Netzwerk zur beruflichen Integration:Berufsorientierte Beratung

Berufsorientierte Beratung in Kooperation mit arbeitsmarktpolitischen Institutionen von 2003 - 2006

Als Folgeprojekt führte der BKMF vom 01.08.2003 bis 31.07.2006 die „Berufsorientierte Beratung in Kooperation mit arbeitsmarktpolitischen Institutionen“ durch. Mit diesem bundesweit einmaligen Modellvorhaben, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales leistete der BKMF einen weiteren aktiven Beitrag, um die berufliche Integration kleinwüchsiger Menschen zu verbessern. Im Sinne der Projektbewilligung ist das Hauptziel der berufsorientierten Beratung, die Arbeits- und Lebenssituation kleinwüchsiger Menschen nachhaltig zu verbessern und damit einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen und beruflichen Teilhabe und Selbstbestimmung zu leisten. Örtlich war das Projekt durchgängig in der Beratungs- und Geschäftsstelle des BKMF e.V. in Bremen angesiedelt.

Die wesentlichen Ergebnisse der BKMF-Forschung zur beruflichen und sozialen Situation kleinwüchsiger Menschen in Deutschland (1999 – 2002) haben sich im Projektverlauf bestätigt. Viele der jugendlichen Kleinwüchsigen haben große Schwierigkeiten einen Ausbildungsplatz zu finden, viele der erwachsenen Kleinwüchsigen sind arbeitslos. Die Betroffenen haben mit Unwissenheit, Ängsten und Vorurteilen vonseiten der Arbeitgeber zu kämpfen. Sie erhalten oft nur unter großer Mühe die Gelegenheit, ihre Arbeitsfähigkeit in Ausbildung und Beruf unter Beweis zu stellen.

Die Anfragen zeigen, dass ein hoher Informations- und Beratungsbedarf der Altersgruppen von 14 bis ca. 60 Jahren besteht. Zu den Themen Berufsorientierung, Ausbildung, Studium und Beruf besteht z. B. eine große Unkenntnis über mögliche Hilfen und Leistungsträger. Auch der Bedarf an psychosozialer Unterstützung ist groß, um mit der Stigmatisierung von außen umzugehen und auf dem eigenen (beruflichen) Weg einen eigenen selbstbewussten Umgang mit dem Kleinwuchs zu finden. Viele Betroffene nehmen zur Beratungsstelle vorrangig Kontakt auf, wenn sich die gesundheitliche Situation verschlechtert und z. B. Hilfsmittel erforderlich sind, um die berufliche Situation zu sichern.

Da Kleinwuchs die gesamte Entwicklung der Menschen beeinflusst, waren die Anliegen in der Beratung sehr vielfältig und betrafen im gesamten Projektverlauf folgende Themenkomplexe:

  • Schule, Ausbildung und Beruf: z. B. Berufsorientierung, Arbeitslosigkeit, Unterstützung bei Bewerbungen, Strategien der Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsplatzsuche, Möglichkeiten der Unterstützung und Förderung, Hilfe bei Antragstellungen
  • Psychosoziales: z. B. Umgang mit Kleinwuchs, Belastung durch Arbeitslosigkeit, Stärkung des Selbstbewusstseins, Kontaktfindung, häusliche oder familiäre Situation
  • Medizin: z. B. Vermittlung zu Fachärzten, Diagnostik, gesundheitliche Einschränkungen oder Nachlassen der Arbeitsfähigkeit, fachärztliche Gutachten
  • Sozialrecht: z. B. Schwerbehindertenausweis, Nachteilsausgleiche, Erwerbsminderungsrente, Antragshilfen
  • Hilfsmittel: z. B. Arbeitsplatzausstattung und -anpassung, Hilfsmittel im Alltag, Möglichkeiten der Unterstützung und Förderung
  • Mobilität: z. B. Führerschein, Kfz-Anpassung, Fahrschulen, Antragshilfen
  • BKMF: z. B. Versand von Informationsmaterial, Vermittlung zu Landesverbänden, Schulungen und Seminare, Mitgliedschaft

Die berufsorientierte Beratung wurde von erwachsenen kleinwüchsigen Menschen vor allem im Alter zwischen 30 und 59 Jahren relativ gleichmäßig in Anspruch genommen, wobei die gesundheitliche Situation im Vordergrund stand. Viele Betroffene nahmen zur Beratungsstelle Kontakt auf, weil sich die gesundheitliche Situation verschlechtert hat und z. B. Hilfsmittel am Arbeitsplatz erforderlich sind, um die berufliche Situation zu sichern.

Vor allem die Diagnostik der jeweiligen Kleinwuchsform spielte in der Beratung eine wesentliche Rolle: Berufsspezifische, medizinische, psychosoziale und sozialrechtliche Fragen lassen sich auf der Grundlage einer klaren Diagnose eindeutiger klären. Bei mehr als der Hälfte der kleinwüchsigen Erwachsenen wurde niemals eine Diagnose erstellt. Deshalb fand die berufsorientierte Beratung oft in Kooperation mit arbeitsmarktpolitischen Institutionen, zuständigen Arbeitsmedizinern und Experten statt, um auf der diagnostischen Grundlage eine erfolgreiche berufliche Integration zu planen und zu begleiten. Hier ist von großem Vorteil, dass der BKMF über langjährige gute Kooperationen mit diversen Fachärzten und Kliniken verfügt. Da bei den kleinwüchsigen Erwachsenen orthopädische Probleme keine Seltenheit sind, wurde auch hier regelmäßig von der Beraterin an Fachärzte vermittelt.

Im Projektverlauf war zu beobachten, dass die Berufsberatungen in den neuen Bundesländern, häufiger als in den alten Bundesländern, auf eine Erwerbsminderungsrente abzielt. Diesbezüglich wurden einige Betroffene erfolgreich unterstützt, um deren Existenzgrundlage durch den Bezug der Rente zu sichern.

Auffällig war, dass durch Berufsberater, Begleiter oder Betreuer oft Fehleinschätzungen sowohl der geistigen als auch körperlichen Leistungsfähigkeit der kleinwüchsigen Menschen erfolgten. Der Eindruck der Projektmitarbeiter war, dass neben Unwissenheit auch persönliche Vorurteile eine negative Rolle spielen konnten. Es zeigte sich oft, dass den kleinwüchsigen Menschen nicht soviel zugetraut wird („kleiner Körper = kleiner Geist"). Oftmals wurde die körperliche Arbeitsfähigkeit aufgrund der Körpergröße als verringert angesehen. Dementsprechend war auch im Rahmen dieses Projektes zu erleben, dass Berufsberatungen einseitig erfolgten und i.d.R. auf eine Ausbildung/Tätigkeit im Büro abzielten.

Anfragen zu kleinwuchsgerechten Arbeitsplatzausstattungen oder -anpassungen (sowohl von Arbeitgebern, Institutionen als auch Betroffenen selbst) bezogen sich überwiegend auf eine Einrichtung/Anpassung eines Arbeitsplatzes im Büro, z. B. erfolgten viele Nachfragen zu kleinwuchsgerechten Bürostühlen.